Wir durften Ihre Broschüre zu Demenz in leichter Sprache auf unserer Website verlinken, die Demenz in tollen Bildern erklärt – Danke! Wie erklären Sie einem Menschen mit Lernschwierigkeiten in Ihren Kursen die Krankheit?
Christina Kuhn: Wir haben gerade ein Bildungsprogramm entwickelt. Metaphern funktionieren nicht. Wir erklären alles zum Anfassen! Das startet mit der Annäherung: Alt sein, alt werden: Woran erkennt man Alter? Wir geben der Gruppe Bilder zum Sortieren, ganz konkret.
So können wir gemeinsam auf die sortierten Bilder schauen: Woran erkennen wir das Alter eines Menschen?
Das leitet dann über zu Erkrankungen im Alter. In den meisten Gruppen gibt es ein gutes Wissensrepertoir, da fällt dann schnell das Wort: Alzheimer! Das ist meist bekannt. Zu den einzelnen Krankheiten arbeiten wir wieder mit Bildern: Wo sitzt die Krankheit? Die Zuordnung ist ein Spiel: Was ist wo im Körper? Das ist leicht lokalisierbar: Alzheimer ist im Kopf! Von hier überlegen wir weiter: Was macht der Kopf? Wir machen praktische Übungen. Einige in der Gruppe sind dabei aktiv, die anderen beobachtend: Was hat der Kopf gemacht? So kann man das Gehirn als Steuerungszentrale begreifen.
Als nächstes legen wir ganz konkrete Erinnerungen der Teilnehmenden in einer Gedächtnisbox ab. Dann wird die Box verschüttelt – welche Erinnerungen sind noch da? Viele Erinnerungen aus dem Kurzzeitgedächtnis sind dann weg. Wir sammeln auch die wichtigen Themen der Teilnehmenden und sortieren die in ein Bücherregal. Einzelne Bücher fallen um oder werden aus dem Regal genommen – was löst das aus? Wie geht’s einer Person, wenn seine/ihre Erinnerungen weg sind? Was passiert, wenn wichtige Termine weg sind?
Den Horizont zu erweitern und ein emotionales Verständnis zu erreichen, das ist unsere größte Anforderung! Ich muss verstehen können, was beim Gegenüber passiert. Sonst bin ich schnell bei Zuschreibungen: Die demente Person ist eigensinnig, faul, böse.
Schön ist auch die Kaffeeübung: Handlungen bauen auf Reihenfolgen auf. Man muss eine bestimmte Reihenfolge einhalten, damit am Ende Kaffee rauskommt. In dieser Übung gibt es eine Störung – es geht daneben. Darüber kommen wir in den Austausch: Wie ist das, wenn etwas nicht gelingt? Wie fühlt man sich? Wie könnte wer helfen? Oft geht es ja um ganz simple Dinge: Ein Mensch mit Demenz kann den Weg zur Toilette nicht mehr finden, die Spülmaschine nicht mehr ausräumen. Wir versuchen, das miteinander Arbeiten und Leben zu stabilisieren – sei es zu Hause, im ambulanten oder stationären Wohnen: Thomas ist nicht faul, der macht das nicht absichtlich. Der kanns halt nicht mehr. Er findet sein Zimmer nicht mehr. Er gibt Impulsen nach. Wir gestalten unser Miteinander, indem wir viele Impulse unterdrücken. Das können Menschen mit Demenz oft nicht mehr. Zu dieser fehlenden Impulsunterdrückung müssen dann idealerweise die Handlungsoptionen passen, die das Haus und der Tagesablauf bieten!
Wir entwickeln bis Anfang nächsten Jahres eine Methodenbox für Fachkräfte in der Behindertenhilfe, damit sie dem sozialen Umfeld die Demenz erklären können. Im Moment ist diese vergriffen, wird aber nachproduziert – wer Interesse hat, gerne melden für unsere Warteliste!
Speziell für pflegende Angehörige von Menschen mit Downsyndrom und Demenz bieten wir einmal im Monat ein Online-Treffen an, eine Selbsthilfegruppe, in der jede und jeder willkommen ist zu einem 90 Minuten Austausch. Beim OnAir treffen haben mittlerweile über 50 Leute aus dem deutschsprachigen Raum teilgenommen. Menschen bringen ihre Themen mit. Manchmal gibt es ein Thema oder eine Fallgeschichte – inhaltliche Fragen versuchen wir vom Demenz-Support zu beantworten.